Die Präsenz der Materie

Alle Akzente, die sich während des künstlerischen Prozesses der Form- oder Farbgebung ereignen, ergeben sich aus den "laws of necessity" (Yanagi Soetsu) von Hand und Material.

So wird die Anwesenheit des Menschen sichtbar und gleichzeitig auf das Notwendigste beschränkt.

Die Präsenz der Materie erzählt von der Schönheit einer Welt an der wir Anteil haben.

 

Martin Ortmeier für die Ausstellung "Erde und Himmel" im Handwerksmuseum Deggendorf vom 20. 10. 2019 bis 23. 2. 2020

Es ist, was es ist. Renate Balda gibt autonome Farbe

Martin Ortmeier

 

 

Wenn wir morgens unsere Kaffeetasse zur Hand nehmen und uns an deren Gestalt und Zweckmäßigkeit erfreuen, dann fragen wir natürlich nicht: Was bedeutet dieses Ding. Denn es ist, was es ist: ein Gefäß – auch wenn es schön ist.

 

So sollte es auch mit den Gemälden, Drucken und keramischen Körpern gehalten werden, die Renate Balda schafft. Sie bedeuten nichts, sie sollen auch nichts bedeuten. Sie stehen jedoch vor einem tiefen und breiten kulturgeschichtlichen Horizont. Auf diesen Horizont verweist der Titel der Ausstellung des Handwerksmuseums Deggendorf: Erde und Himmel. Die beiden Begriffe weisen in zwei Richtungen, nämlich dorthin, wo wir stehen und gehen und unser Leben verbringen, und hinauf zu den Werten, die über dem Alltag stehen. Der Titel verweist auf den Himmel als den symbolischen Ort alles Transzendenten und zurück auf die Stoffe, aus denen Renate Balda ihre Werke macht.

 

 

Von welchen Werkstoffen reden wir?

 

Erde und Himmel sind Metaphern, selbstverständlich. Metaphern wofür? Es ist nicht die Erde, mit der Renate Balda werkt, sondern es sind Erden, die mineralischen Stoffe, die im Zuge ihrer Bearbeitung Körper, Oberfläche (Haut) und Farbe in je eigener Weise ausbilden. Und es ist nicht der Himmel, der uns Körper, Oberfläche und Farbe wahrnehmen lässt, es ist das Licht.

 

Balda hat ihre Werke mit eigenen Händen hergestellt, und wir sollten sie – zumindest die keramischen – auch mit unseren Händen wahrnehmen dürfen. Das ist die Freude des Sammlers, die dem Besucher der Galerie und des Museums leider, aber guten Grundes verwehrt bleiben muss.

Der Sammler und Besitzer eines Werks braucht auch keine Scheu zu haben, über die Bütten- und Japanpiere, die Balda mit Schellacktusche veredelt – und die ihm für die Zeit seines Lebens zugehören, mit seinen Fingern zu streichen. Wenn er dabei die Augen schließt, kann er sich einem Assoziationsreigen hingeben, der ihn vom Kleinen zum Großen, vom Nahen zum Fernen, vom Rohen zum Edelsten, vom Erotischen zum Atmosphärischen, vom Sterblichen zum Unvergänglichen, Ewigen treibt.

Der Autor dieser Zeilen kann die sinnliche Lust der Künstlerin nachempfinden, die ihr die verschiedenen Erden, die Gesteinspigmente, bereiten, nach denen sie auf die Suche geht, die sie als Schatz hortet und denen sie ästhetische Wirkung im anschaulichen Werk verleiht.

 

Die Wahl des Bildträgers – sei es Leinwand, sei es Papier verschiedener Art, sei es keramischer Scherben – und die Wahl des Bindemittels – Acryl, Schellack, Wachs, Glasur oder Engobe – ist wie die Entscheidung für dieses oder jenes Pigment bildwirksam. Diese materiellen Grundlagen des künstlerischen Schaffens nimmt Renate Balda sehr ernst.

Es sei dazu die Künstlerin selbst zitiert, weil diese Aussage den großen Ernst erkennen lässt, der aus den Werken spricht:

Es geht immer um Bedingungen des Entstehens. (…) die Bedingungen im Arbeitsprozess (sind) entscheidend. Nicht dass man sich als Künstler daraus ganz zurückziehen wollte, man setzt ja immerhin noch die Bedingungen; aber etwas beiseite stehen muss man angesichts der überwältigenden Schönheit und Präsenz der Materie“.

 

Bei den Lithographien legt sie hauchdünne Lasuren übereinander, die das „von draußen“ einfallende, vielschichtig gebrochene und vom weißen Papier reflektierte Licht auf seinem Rückweg in unseren Augen zu Farbe machen.

Auf den handgeformten Keramikplatten und -körpern lässt sie das Licht tief eindringen in raue Oberflächen und gleich daneben heiter abstrahlen von Glasuren verschiedener Farbe oder Engoben. In jüngster Zeit setzt sie Blattvergoldung ein. Dieser Hauch von Stofflichkeit ist materialgewordenes Licht.

Mit dem Blattgold kommen wir an die Zeitengrenze und den Weltanschauungskorridor der frühen italienischen Renaissance, als in der Tafelmalerei der Goldgrund von Farbe abgelöst wurde. Diese Farben waren zunächst nur sie selbst in ihrer Schönheit und Symbolkraft, erst allmählich wurden sie mehr und mehr dem Dienst der Abbildung unterstellt.

Auf die Tafelmalerei dieser Zeit greift die monochrome Malerei Renate Baldas zurück. Sie ist nicht die einzige, die sich der autonomen Farbe zuwendet, die Mantovanerin Sonia Costantini, mit der Balda 2017 gemeinsam in Passau im Diözesanmuseum und in der Sankt Anna-Kapelle des Kunstvereins ausgestellt hat, folgt ähnlichen Wegen und Arbeitsweisen. Aber die Handschrift Baldas und die nüchterne Konsequenz und Reduziertheit ihres künstlerischen Handelns sind schon einzigartig und unverkennbar.

 

 

Die Kulturgeschichte nennt diese Kunstrichtung konkret

 

Die Farbfeldmalerei eines Mark Rothko ist zu erinnern, das Blau von Ives Klein; Gerhard Richters Kölner Domfenster sind zu bedenken. Die Farbe in ihrer Eigenheit und im Werkprozess errungenen Einzigartigkeit im hortus conclusus der traditionellen Tafelmalerei ist hier zum Ereignis geworden. Die Nachbarschaften von Farben sind zum Modell von Gesellschaften aufgestiegen.

 

Wir kennen dieses Suchen nach neuen Farben auch in der zeitgenössischen Musik, das Herantasten an neue Töne und Klänge, das Ergründen und Erproben neuer Klangfarben.

Aus dem Kreis der konkreten Komponisten sei Roland Dahinden genannt. Hervorzuheben ist seine Komposition aus dem Jahr 2007 Das Blatt von Agnes (3’ 47’’, 3 Stimmen und Schlagzeug). Eben diese Musikalität steckt in jedem Werk Renate Baldas. Dass die Ausdehnung im Raum in der bildenden Kunst mehr Gewicht hat, in der Musik die Ausdehnung in der Zeit, das ist selbstverständlich. Aber es geht nur um Gewichtung, nicht um entweder oder.

Intensität und Abtönung, Dichte und Lasur, Kontrast und Nachbarschaft, das alles finden wir in den angesprochenen musikalischen Kompositionen ebenso wie in diesen Werken der bildenden Kunst.

Und selbstverständlich ist diese Haltung auch in der Literatur anzutreffen – Nora Gomringers Sprechakte seien erinnert. In ihrem Gedicht kein fehler im system wandelt sie die Worte, bis sie von ihrer Bedeutung frei, nur noch Lautgebilde, nur noch Artikulation sind.

Es gibt diese Haltung des Konkreten selbstverständlich auch im Schauspiel und im Tanz.

 

Farbe als autonomer Bildgegenstand, als Träger von Stimmung und Weltanschauung, gab es aber auch in den Jahrhunderten zwischen Frührenaissance und Moderne.

Ein Beispiel sei genannt: die Huldigung an Violett und Lila im Werk von Anselm Feuerbach. Man möge sich in der Schack-Galerie in München der Hingabe widmen an die Morbidität der kardinalroten Federfächer und der abendveilchenfarbenen Damasttuche, denen Feuerbach in seinen Gemälden große Flächen einräumt. Und man möge sich erfreuen an der Seelenverwandtschaft der beiden Künstler Renate Balda und Anselm Feuerbach und deren Hochachtung vor der Farbe als Materialisation des Lichts und Stellvertreter eines jede sprachliche Vermittelbarkeit übersteigenden Wertes.

 

 

Die Farbe und ihre Gesellschaft

 

Noch einige Worte sind nötig zur vielgesichtigen Farbnachbarschaft der von Balda immer wieder neu kombinierten Farbtafeln.

Das traditionelle Tafelbild als abbildendes Medium ist von der Photographie längst überholt, als bürgerliches Wohn-Accessoire hat es aber weiterhin seinen Markt. Davon setzt sich das konkrete Kunstwerk kritisch ab. Auf diese Weise kann das Kunstwerk seinem eigentlichen Zweck dienen, nämlich Zeitgeist und Weltanschauung zur sinnlichen Wahrnehmung zu bringen.

Wenn Renate Balda mehrere Tafeln zu einer Gruppe anordnet, entwirft sie das Modell einer nicht uniformen Gesellschaft. Die Anordnung der Farben geschieht bei Balda auf der Grundlage einer ästhetischen Abwägung und Entscheidung. Bei Gerhard Richters Fenstern im Kölner Dom ist diese Farbgesellschaft von einem Zufallsgenerator errechnet worden. Beide Wege sind dem intellektuellen Kalkül entzogen, mittels beider Lösungswege wird Bedeutung verweigert – und im Gegenzug das Werk an sich dargeboten.

 

Gerade an Gerhard Richters Kölner Kirchenfenstern wird die radikale Abkehr vom Tradierten deutlich. Jahrhunderte war die Gestaltung dieser Glasgemälde einer vertikalen Ordnung unterworfen. Im hierarchischen System der Kirche ist dieses gegenwärtige Prinzip, dass nämlich das wertvolle Ganze sich aus einer Nachbarschaft von vielen Verschiedenen, jedoch alle Gleichwertigen ergibt, ganz neu.

Renate Baldas Gruppen entwerfen das Modell einer freien bürgerlichen Gesellschaft. In einer Zeit, in der unserer weitgespannten farbigen Vielfalt eine enge braune und graue Einfalt als erstrebenswert vorgestellt wird, kommt den ins Feinste abgestimmten Farbgesellschaften Baldas hoher politischer und ethischer Wert zu.

 

 

Kunst und Handwerk, Innovation und Tradition

 

Der rechte Ort für Renate Baldas Werke ist in der öffentlichen Galerie wie im Privaten das Kabinett. Dieses intime Format kommt der Intention Renate Baldas entgegen, die nicht durch Opulenz gewinnen will, sondern durch Insistenz. Hier kann man sich jedem einzelnen Werk in geduldiger Anschauung zuwenden. Die Schönheit und Symbolkraft dieser Werke eröffnet sich nicht dem schnellen Betrachter. Wer unvoreingenommen und mit Muße an Renate Baldas Werke herangeht, wird beschenkt.

Die Kompaktheit des Kabinetts korrespondiert mit der Strenge der Formen dieser keramischen Stücke und Gemälde. Freiheit in der Kunst wie in der Gesellschaft braucht Form, damit sie wirksam werden und sich entfalten kann – sonst würde sie abgleiten in Beliebigkeit und Willkür, Laisserfaire. Die Strenge der Quadrate und die haptische Genügsamkeit der Zylinder veranlassen und ermöglichen die Hingabe an das Spiel und Wunder von Materie und Licht, Ding und Wert, Erde und Himmel.

 

Die Werke Renate Baldas stehen – wie eingangs festgestellt – vor einem tiefen und breiten kulturgeschichtlichen Horizont. Zwei Aspekte seien kursorisch herausgegriffen: Der Bildgegenstand Licht wird von Balda nicht abbildend, sondern materiell behandelt, in Verwandtschaft zum Goldgrund der Tafelmalerei des hohen Mittelalters, zur Verglasung des Pastellgemäldes des 18. Jahrhunderts, zum Bildträger des Hinterglasbildes in Barock und Expressionismus und zum Firnis über der Ölmalerei.

Und wenn Baldas Tafelbilder und ihre keramischen Handstücke in eine Subgattung neben Landschaft, Stillleben, Meerstück, Porträt usw. eingeordnet sein sollen, dann darf auf die Tradition des Andachtsbildes verwiesen werden. Das Andachtsbild hat seinen angestammten Platz im privaten Kabinett und im Peripheren der Kapellen.

Es ist autonom, frei von Repräsentation, Belehrung und Bedeutung. Es ist, was es ist.

 

 

 

Laudatio zur Austellungseröffnung in Obernzell, 29. August 2014 von Dr. Martin Ortmeier

Eines muss ich gleich vorausschicken, meine sehr geehrten Damen und Herren: Haben Sie in der Ausstellung das Licht- und Schattenspiel der Abendsonne auf dem großen weinroten Quadrat gesehen? Frau Balda und ich sind uns einig: Das Licht ist der ganz große Meister, der erfahrene bildende Künstler bereitet ihm nur die Bühne.

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L’a ltrov e dell’imma gine: riv ela re la liturgia del monocromo, Matteo Galbiati, 2012

Monocromo. Ancora monocromo! Sempre la stessa cosa? Possibile comprendere e riconoscere di un artista il tono di una personalità, di un’anima, di un’identità specifica ed individuale in un lavoro che s’infittisce sull’esclusività cromatica di un colore solo, che nella sua unicità, spesso prepotente, pare adombrare ogni inflessione singolare e contingente?

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Einführungsrede von Dirk Martin M.A. zur Ausstellungseröffnung in der galerie linde hollinger, ladenburg, am Sonntag, den 05. September 2010

Zu den Arbeiten Renate Baldas:

 

Für die Malerei von Renate Balda wähle ich den kunstwissenschaftlichen Terminus der Analytischen Malerei. Die wesentlichen Merkmale dieser Malerei sind, dass sie keinerlei Verhältnis zu einer Welt außerhalb des Gemäldes hat; sie ist eine Malerei, die nur sich selbst zeigt, und somit Malerei als Tätigkeit und als hergestellter Gegenstand in der künstlerischen Arbeit selbst reflektiert.

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Eröffnung Galerie Trampler 2010

Der Bitte, am heutigen Abend ein paar einführende Worte zu sprechen, komme ich sehr gerne nach.

 

Wohlwissend, daß es Renate Balda in ihrer bescheiden zurückhaltenden Art eigentlich am liebsten wäre, ihre Kunst nur mit kurzen Worten gewürdigt zu wissen, möchte ich es dennoch nicht mit Edgar Degas halten, der wohl die kürzeste Variante einer Einführung parat hätte. Er sagt, „bei Leuten, die etwas von Kunst verstehen, bedarf es keiner Worte.

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Gabi Dewald, Stille Erde 2007

Man sagt, die Erde singe. Ganz tief im Innern kann man ihr Geräusche ablauschen. Die Erde tönt: Ihr Schmelzen und Erstarren, das Reiben ihrer Platten, das Schieben der magmatischen Massen, ihr Drehen um sich selbst.

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Die Sehnsucht war vorher da

Die Sehnsucht war vorher da. Ein diffuses, unbenanntes, unbesprochenes Drängen nach, Hingezogensein zu bestimmten Sachverhalten. Seit Herbst 2002 starke Affinität zum Licht, zur Lichtwirkung von Farbe.

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La materia si comporta…

La materia si comporta così come la sua stessa natura le impone. Percepire, nella totalità, minime influenze del materiale. La materia intesa come colore si deve costituire da sé, così che qualcosa della sua natura ne scaturisca.

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The longing is there to start with

The longing is there to start with. A vague, anonymous, unspoken urge, an attraction to certain things.

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Rupert Walser 2005

Von sich und seinem Umfeld, seinen Gegebenheiten ausgehen. Dem, Allem, dem Ganzen nachspüren, durchmachen. Sich das durch Machen vor Augen führen.

 

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